Was eine Gestalttherapeutin dem Netzwerk NewWorkSpacesDigital über das Unausgesprochene im Wandel beigebracht hat.
Es gibt diesen einen Moment in fast jedem Büro-Umbau, über den niemand spricht. Es ist der Tag, an dem die Aktenordner verschwinden. Diese dicken, beschrifteten, jahrzehntealten Ordner, die hinter dem Schreibtisch standen. Sie waren mehr als Papier. Sie waren ein stilles Statement: Hier sitzt jemand, der weiß, wo die wichtigen Dinge sind.
Und dann, eines Morgens, sind sie weg. Digitalisiert. In der Cloud. Theoretisch ein Fortschritt. Praktisch ein Statusverlust, den niemand benennt – und der trotzdem alles verändert.
Über genau solche Momente hat Inga Kraus beim virtuellen Kick-off von NewWorkSpacesDigital Ende März gesprochen. Und damit etwas ausgelöst, mit dem im Vorfeld kaum jemand gerechnet hatte.
Die Keynote, die unbequem wurde
Inga Kraus ist Gestalttherapeutin und systemische Coach mit eigener Praxis in Hamburg. Im Business-Coaching „New Work“ begleitet sie Führungskräfte, die spüren, dass Kontrolle allein nicht mehr reicht.
Drei Beobachtungen aus ihrer Keynote sind hängengeblieben:
Kein Büro mehr zum Verstecken. Das Einzelbüro war nie nur Arbeitsraum. Es war Rückzugsort, Bühne, manchmal Versteck. Im Open Space gibt es diese Tür nicht mehr.
Der Status, der mit den Ordnern verschwindet. Wer das relevante Wissen physisch bei sich hatte, war unverzichtbar. Digitalisierung verteilt dieses Wissen neu – und entzieht damit denen die Grundlage, deren Bedeutung sich genau darüber definiert hat.
Wenn plötzlich alle „du“ sagen. Wer 25 Jahre lang Herr Müller war, ist nicht plötzlich Thomas. Das Du wird oft als Geschenk verkauft – für viele ist es zunächst ein Verlust an Selbstverständlichkeit.
Das Unausgesprochene
Bis hierher hätte das ein gut gemachter Change-Vortrag sein können. Aber Inga Kraus geht weiter und sagt aus, was die meisten Transformationsprojekte verschweigen:
Bevor Menschen Neues annehmen können, müssen sie Altes betrauern dürfen.
Das ist kein psychologischer Kitsch, das ist Systemik. Wer einen Verlust nicht benennt, verarbeitet ihn auch nicht. Er wirkt im Untergrund weiter – als Widerstand, als Zynismus, als stilles Boykottieren.
Das Aha
Die Reaktion der Teilnehmenden war bemerkenswert. Nach der Keynote schilderten mehrere unabhängig voneinander dasselbe Gefühl: dass sie auf einmal verstanden, warum Change so schwer ist. Warum dieses Unausgesprochene so stark mitschwingt. Ein Satz fiel mehrfach in der Diskussion: Dieses Betrauern dessen, was war – das müsste eigentlich viel mehr Raum bekommen.
Warum das ein Netzwerk-Thema ist
Im ZIM-Innovationsnetzwerk NewWorkSpacesDigital entwickeln KMU gemeinsam mit Forschungseinrichtungen Lösungen für die Transformation von Bestandsbüros zu NewWorkSpaces: 3D-Scans, BIM-Modelle, Sensorik, KI in der Planung. Die Werkzeuge werden besser.
Aber ein NewWorkSpace entsteht nicht durch Technik allein. Er entsteht in Menschen, die ihn nutzen sollen. Genau hier scheitern viele Projekte: Das neue Büro ist fertig, die Möbel stehen, die App funktioniert – aber die Belegschaft fühlt sich fremd. Manchmal über Jahre.
Deshalb war diese Keynote so wichtig. Sie hat eine Lücke benannt, die sich mit BIM-Modellen und Sensorik allein nicht schließen lässt. Wer Bestandsbüros in NewWorkSpaces überführt, transformiert immer auch Menschen.
Bleibt die Frage, die Inga Kraus uns hinterlassen hat: Wer sitzt eigentlich am Steuer, wenn eine Organisation ihre Arbeitswelt neu denkt?
Inga Kraus ist Gestalttherapeutin (Heilerlaubnis nach Heilpraktikergesetz, Hamburg) und systemische Coach. Mehr unter ingakraus.de.